CoWorking auf dem Land muss mehr sein, als gemeinsame Bürofläche und eine Kaffeemaschine

CoWorking, das ist eine Bewegung. Eine Idee der sogenanten Shareconemy, einer Kultur des Teilens, des Austausches und der Wissensbereicherung. Gerade auf dem Dorf wäre es deshalb zu kurz gedacht, einfach nur ein Gebäude mit Arbeitsplätzen anzubieten, CoWorking-Spaces einfach als Orte anzusehen, in denen Menschen aus verschiedenen Unternehmen und Freelancer sich ein bisschen Bürofläche und eine Kaffeemaschine teilen. CoWorking kann dazu beitragen, durch Austausch von Wissen und durch Vernetzung unsere Gesellschaft zu verbessern. Und unser Dorfleben. Und von diesem Dorfleben gibt es manchmal komische Vorstellungen.

Immer, wenn ich in eine Runde mit Gründer:innen aus der Stadt gerate, die aufs Land ziehen wollen und ihre ersten Ideen für eine CoWorking-Location auf dem Land für sich formulieren, treffe ich auch auf Menschen mit verklärten Vorstellungen vom Landleben.

Zum Einen ist es diese Ruhe, die da immer wieder gern betont wird. Beizeiten werde ich mal eine Klangcollage aus unserem Dorf machen, wenn die Güllepumpe läuft, die Aufsitzrasenmäherpiloten die Gärten bearbeiten, die Hunde in jeder Tonlage darauf hinweisen, dass sie ihre Grundstücke bewachen, wenn die Dorfjugend aller Alterklassen ihre Parties feiert, und wenn während der Erntetage unablässig die Traktoren und Maschinen laufen. Denn all diese Klänge mischen sich in das idyllische Muhen der Kühe und dem Zwitschern der Vögel in den Gärten. Und die sind auch nicht abzustellen, denn Erntezeit ist Erntezeit. Und wenn das Wetter es so vorgibt, dann ist halt auch Sonntags um halb drei Erntezeit. Den gemeinen Landlust-Leser erfreut das dann möglicherweise nicht.

Erwartungen, Hoffnungen und Vorstellungen…

Zum Anderen ist da irgendwie diese Vorstellung, dass diese Dorfleute ja dankbar sein müssen, dass ihre leerstehenden Wirtschaftsgebäude in schicke Hipsterbuden umgenutzt werden und wieder Leben und Wirtschaftskraft ins Dorf kommen. Grundsätzlich ist das sicher so, dass sich gerade auf den leerer werdenden Dörfern in schlecht zu erreichenden Gegenden über frischen Zuzug und neue Ideen gefreut wird, keine Frage. Nur bitte, lieber Gründer:innen, bezieht auch Eure zukünftigen Nachbar:innen mit ein in Euer Konzept. Sonst bleibt Ihr mit Eurem Projekt ein Fremdkörper in einem teils über Generationen gewachsenen Mikrokosmos. Und dabei könntet auch Ihr was verpassen. Denn Ihr könnt von dieser bereits bestehenden Community, der Dorfgemeinschaft, ebenso profitieren, wie sie von Euch.

Denn auch wenn Zuzug häufig willkommen ist, so wartet so ein Dorf selten auf eine Clique aus der Stadt, die aus dem alten Hof ein CoWork-Retreat mit Konferenzräumen und Übernachtungsmöglichkeiten macht und sich daraus eine Insel baut, die dann nur anderen Städtern und digitalen Nomaden offen steht.

Dorfgemeinschaft braucht keine Insellösung

Viel dringender wird hier oft ein Tante-Emma-Laden gebraucht, wo es morgens Brötchen gibt, und die Zeitung. Mit einer Poststelle, wo die Pakete eingesammelt werden können, die von überforderten Kurierfahrern sonst wieder mitgenommen werden. Und ein Café, wo man sich einfach zum Schnack treffen kann. Das alleine trägt sich im Dorf leider nicht. Aber vielleicht passt es ins Konzept eines ländlichen CoWorking-Places? Zumindest könnte da ja drüber nachgedacht werden, nicht wahr?

Landleben ist nicht nur Landwirtschaft

Auch die Vorstellung, dass Menschen, die auf dem Land leben alle irgendwie auch von der Landwirtschaft leben, ist heutzutage einfach falsch. Wir haben hier in unserem 650-Seelen-Dorf noch vier Bauernhöfe. Alle anderen Nachbar:innen arbeiten in vielfältigen anderen Jobs, einige direkt vom Dorf aus, andere pendeln täglich zu ihren Arbeitsplätzen. Das bedeutet: Auch das Dorfwissen geht weit über die Ränder der Äcker hinaus. Warum also nicht mit eine CoWorking Space auch einen Raum schaffen, in dem dieses Wissen ausgetauscht werden kann? Denn vielleicht entstehen aus diesem Austausch neue Ideen – aus dem Dorf und für das Dorf.

Wer mit mir darüber nachdenken möchte, ist herzlich eingeladen, zwischen dem 12. August und dem 10. September so richtig aufs Dorf nach Niendorf an der Stecknitz zu kommen. Dann testen wir das nämlich mit diesem Mischkonzept mal in einem bunten CoWorkland-Bürocontainer mit Terrasse und Teeküche auf dem Dorfplatz, und manchmal auch im Herrenhaus.

Gäste und Nachbar:innen sind gleichermaßen Willkommen!

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